Polarisierte Bekenntniskultur als Krise

9. Juli 2026

Digitale Krisenkommunikation wird im Kulturbetrieb immer wichtiger. Im Rahmen der MU-Ringvorlesung hat Prof. Karin Bjerregaard Schlüter am 8. Juli darüber referiert, wie Wertekonflikte Debatten in sozialen Online-Netzwerken prägen.

Die Kulturwissenschaftlerin vermittelte einen fundierten Einblick in die Dynamiken digitaler Krisenkommunikation. Ausgangspunkt dabei war die Beobachtung, dass User-generated Content im Social-Media-Zeitalter durch eine ausgesprochene Bekenntniskultur geprägt ist. Weil soziale Online-Netzwerke die Nutzer:innen in den Vordergrund stellen, würden deren Standpunkte und Perspektiven zum Zentrum öffentlicher Kommunikation. Die daraus resultierende Logik laute: „Ich zeige öffentlich, wofür ich stehe.“ Zu dieser digitalen Bekenntniskultur gehöre es, öffentlich Haltung zu zeigen. Die Folge sei eine Art „Wahrheitswettbewerb“. Dabei gehe es nicht um den Austausch von Fakten, sondern im Kampf um die Deutungshoheit um „gefühlte Wahrheiten“. Jede einzelne Person oder Organisation werde kontinuierlich zu Bekenntnissen gedrängt. Daraus resultiere „eine Art Wahrheitswettbewerb“. Digitale Bewegungen seien dabei identitätsstiftend, was von den Algorithmen der Online-Plattformen unterstützt werde. Die damit verbundenen Code-Systeme würden aufeinanderprallen, wenn sie nicht von allen verstanden würden. In der Folge könnten öffentliche Debatten eskalieren, wobei teilweise auch Gewalt als angemessen akzeptiert werde. „Jeder macht seinen eigenen Kreuzzug mit eigenen Waffen“, konstatierte Karin Bjerregaard Schlüter.

Skandale kommen oft von innen

Wahrheit sei kein objektiver Moment, sondern ein unumstößlicher subjektiver Moment, urteilte die Gastprofessorin der Universität der Künste Berlin. Insofern reiche es im Fall einer Krisenkommunikation nicht aus, Fakten anzuführen. Wenn das Internet als hybrider Raum der Sinnstiftung verstanden werde, könne Privates rasch zum Risiko werden: Jedes Bekenntnis werde riskant. Gleichzeitig aber sei auch das Nichtbekennen riskant. Wer schweige, mache sich verdächtig. Wenn institutionelle Entscheidungen gegen persönliche Bekenntnisse einzelner Personen gerichtet seien, würden etwa Whistleblower Informationen nach außen tragen. „Die meisten Skandale kommen von innen“, sagte Karin Bjerregaard Schlüter. Deshalb empfahl sie, wenn etwas geleakt worden sei, zunächst nach innen zu gucken. Angesichts der polarisierten Bekenntniskultur seien bei Konflikten meist keine Kompromisse mehr möglich. Insbesondere bei Themenkomplexen und Konfliktfeldern wie Religion, Ernährung, Klimakrise oder Diversität (Rassismus, Klassismus) gebe es Trigger, die einen rationalen Diskurs kaum möglich machen würden.

Diese Aufreger-Themen würden sich kontinuierlich verändern und seien oft Auslöser für Krisen. Dabei gelte, dass angesichts der binären Algorithmen-Logik Krisen meist durch plakative Probleme ausgelöst würden, während komplexe Probleme seltener zu Krisen führten. Bei Krisenkommunikation gehe es nicht um einen Sachkonflikt, sondern um einen Wertekonflikt, resümierte die Kommunikationsexpertin, die gemeinsam mit ihrem Bruder Ralf Schlüter im vergangenen Jahr ein Buch mit dem Titel Krisenkommunikation für den Kulturbetrieb veröffentlicht hat. Sie erklärte, es müssten nicht Fakten, sondern Werte als Anknüpfungspunkt betrachtet werden. Bei Wertekonflikten sei das „Bedrohungserleben sehr hoch“ und mit Sachargumenten sei deshalb wenig zu erreichen. Wer seine eigene Haltung erklären wolle, müsse die eigene Rolle definieren. Könnten aber etwa Kultureinrichtungen ihre Rolle nicht definieren, komme es zu Problemen. Wer Konflikte vermeiden wolle, müsse außerdem Entscheidungen in einen größeren Kontext einbetten. Dies gelte etwa bei Veranstaltungen zur Palestina-Frage an Hochschulen, die rasch als antisemitisch gedeutet würden. In solchen Fällen gehe es darum zu erklären, dass Wissenschaft mehrere Perspektiven beleuchten und in diesem Kontext Vertreter:innen unterschiedlicher Positionen einladen müsse.

Wertekonflikte durch subjektive Wahrheiten

„Sie müssen davon ausgehen, dass die meisten Menschen die Kontexte nicht mehr gut lesen können“, urteilte Karin Bjerregaard Schlüter, Auslöser dafür seien die Bedürfniskultur und algorithmische Filter-Bubble-Effekte. Für die Kommunikation innerhalb von Kultureinrichtungen riet die Spezialistin für digitale Plattformen, dass es „Raum für widersprüchliche Wahrheiten“ geben müsse. Wertekonflikte seien keine Probleme, die man lösen könne, sondern Polaritäten, die es zu managen gelte. Dabei sei es wichtig, unvereinbare Wahrheiten auch dann anzuerkennen, wenn ihnen nicht zugestimmt werde. Die meisten Konflikte in diesem Feld würden scheitern, wenn versucht werde, die verschiedenen Wahrheiten zu vereinen. In der internen Kommunikation gehe es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Wertekonflikte ausgesprochen werden können, ohne dass es persönlich werde. So lasse sich die Anzahl der von innen nach außen getragenen Skandale reduzieren.

Trigger als Auslöseanreize öffentlicher Empörung ordnete Karin Bjerregaard Schlüter nicht nur als kultur-, sondern auch gesellschaftsspezifisch ein. Die Folge sei eine Polarisierung, die sich im Kulturbereich besonders stark bemerkbar mache. Auf die Frage, wie gesellschaftliche Diskurse wieder evidenzbasiert geführt werden könnten, zeigte sich die Expertin ratlos. Vielleicht ändere die Digitalisierung den gesamten Prozess gesellschaftlicher Kommunikation so stark, dass auch für die Demokratie neue Formen von Aushandlungsprozessen für politische Entscheidungen gefunden werden müssten. Die Akzeptanz einer Regierung lasse sich für Andersdenkende kaum noch aushalten und Kompromisse ließen sich in der Bekenntniskultur kaum noch erzielen, warnte die Buch-Autorin.