Unsichtbarer Datenhandel

25. Juni 2026

Im Rahmen der MU-Ringvorlesung im Sommersemester 2026 hat Prof. Dr. Sarah Hosell am 24. Juni über verborgene Netzwerke aus Datensammlung, Handel und Plattformökonomie referiert. Sie gab spannende Einblicke in die Logik von KI und die Welt des Datenhandels.

Als Synthetic Media (synthetische Medien) werden digitale Inhalte wie Bilder, Video-, Audio- oder Text-Inhalte bezeichnet, die ganz oder teilweise mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) und Algorithmen generiert werden. Solch synthetisch hergestellte oder optimierte Angebote dienen als kreativer Ideenpool für neuen Content oder als nützliche Werkzeuge, ermöglichen andererseits aber auch neue digitale Geschäftsmodelle. Und die basieren darauf, dass Nutzer:innen für das Erstellen von KI-Inhalten persönliche Daten preisgeben, die für die Anbieter generativer KI-Tools zur wertvollen Ware werden. Sarah Hosell, die am Institut für Informatik der Hochschule Ruhr West den Studiengang E-Commerce leitet, erklärte, dass synthetische Medien mit Hilfe von maschinellem Lernen und neuronalen Netzen, die dem menschlichen Gehirn nachempfunden sind, Probleme lösen. Um Kreativität, wie sie von Menschen hervorgebracht werde, aber handle es sich dabei nicht. „KI simuliert Kreativität“, betonte Sarah Hosell und verwies darauf, dass sich Kreativität dort auszeichne, wo Lösungskompetenz nicht festen Regeln oder Routinen folgen könne, und zwar als „reflektierende Urteilskraft oder Vernunft“. Das sei eine menschliche Kernkompetenz, zu der KI nicht in der Lage sei. „Ein Mensch kann auch mit wenig Wissen Lösungen finden, KI kann das nicht“, urteilte die Expertin. Personen mit geringer Kreativität aber könnten mi KI ihre Kreativität steigern.

Digitale Auktion für persönliche Daten

Für die Medien-Branche eigne sich KI zur Steigerung der Effizienz, als „Kreativ-Katalysator“, für interaktives Storytelling, aber auch zur Personalisierung von Angeboten, erläuterte Sarah Hosell. So könnten auch Werbeinhalte individuell auf einzelne Nutzer:innen abgestimmt werden. Rufe jemand eine Website auf, stelle der Website-Betreiber den darin enthaltenen Werbeplatz auf einer Supply Side Platform (SSP) ein, die das Angebot über einen digitalen Marktplatz (Ad Exchange) an Demand Side Platforms (DSP) weiterleite. Im Rahmen einer digitalen Auktion würden Werbekunden anschließend automatisiert auf einzelne Nutzer:innen-Profile bieten (Real Time Bidding), um Inhalte passgenau auszuspielen. Informationen über Standort, Konsumgewohnheiten, Beziehungsstatus, Kreditwürdigkeit oder Gesundheitsdaten könnten von Apps nicht nur an deren Anbieter, sondern auch an die Plattformanbieter oder Hardware-Produzenten fließen. Möglich wird das durch sogenannte Software Development Kits (SDK), die von Hard- und Softwareherstellern sowie Plattformen für Softwareentwickler und für Programmierer zur Verfügung gestellt werden, um digitale Inhalte entwickeln zu können. So werde ein Smartphone rasch zum „Datenspender“, klärte Sarah Hosell auf. Die gesammelten Daten landeten schließlich meist unbemerkt bei sogenannten Data Brokern.

Sarah Hosell, die von 2015 bis 2018 Professorin an der MU (ehemals HMKW) war, berichtete, es gebe Schätzungen zufolge weltweit etwa 4.000 bis 5.000 Data Broker. Die Branche sei staatlich kaum reguliert und ein Missbrauch der Daten kaum zu verhindern. Wer sich bei Apps anmelde, liefere bereits Datenprofile. Das Sammeln, Analysieren und Auswerten von Nutzer:innen-Daten (Tracking) geschehe in Bruchteilen von Sekunden und entscheide schließlich oft auch darüber, zu welchen Konditionen wer welche Dienstleistungen oder Produkte angeboten bekomme. Dabei würden bei Android-Smartphones mehr Daten abfließen als bei den iOS-Endgeräten von Apple. Eine Kombination aus Tracking und Wahrscheinlichkeitsrechnung gebe schließlich Auskunft darüber, mit welcher Wahrscheinlichkeit Nutzer:innen ein bestimmtes Produkt kaufen würden und wie groß ihre Zahlungsbereitschaft dafür sei.

Dilemma der Personalisierung

Dass die Daten meist nicht zweckgebunden gesammelt würden, entspreche nicht der Europäischen Datenschutzgrundverordnung, kritisierte Sarah Hosell. Wer seine Daten schützen wolle, so lautete ihre Empfehlung, solle im Smartphone-Menü die sogenannte Werbe-ID deaktivieren beziehungsweise löschen. So könnten Apps das Nutzer:innen-Verhalten zwar immer noch innerhalb der Anwendung auswerten, aber die Daten nicht mehr so einfach mit Aktivitäten in anderen Apps oder auf Websites verknüpfen. Außerdem lasse sich sowohl bei Android- als auch bei iOS-Geräten in den Datenschutz- oder Privatsphäre-Einstellungen der Datenfluss überwachen. Spezielle Tools könnten diesen Transfer noch transparenter darstellen oder unterbinden. Eines aber machte die Expertin auch klar: Ganz ohne Personalisierung funktionieren die meisten Apps nicht oder nur weniger gut. In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass die rasante Entwicklung von Agenten-KI (Agentic AI) vielleicht schon bald das Geschäft mit den Daten in Frage stellen könnte. Stammen die Tracking-Daten, die Broker sammeln, nämlich nicht mehr von Menschen, sondern von der KI, sind digitale Spuren in puncto Personalisierung praktisch nutzlos.