Journalissimo: Ausflug nach Absurdistan

9. Juli 2026

Eine Medienwelt voller Un- und Widersinn, ein politisches Panoptikum des Grotesken und Skurrilen: Unter dem Motto „Willkommen in Absurdistan“ haben Kölner Studierende der Media University am 8. Juli im Kölner Kellertheater „Klüngelpütz“ das aktuelle Programm des studentischen Kabarett-Projekts „Journalissimo“ präsentiert.

Einen Kabarett-Abend lang entführten Akteur:innen des Studiengangs Journalismus und Unternehmenskommunikation ihr Publikum in das „einzige Land der Welt, in dem Vernunft als Fremdsprache gilt.“ Jule Abel und Ruben Gonzales führten als moderierende Reiseleiter:innen durch eine irrwitzige Show mit einem Cocktail aus Kritik und Klamauk, aus Kabarett und Comedy. Inhaltlich ging es dabei um Krieg und Frieden, um Klima und Feminismus oder auch um Fragen der politischen Moral im Perpetuum weltweiter Dauerkrisen. Die Bachelor-Studierenden des Kölner Fachbereichs Journalismus und Kommunikation provozierten und persiflierten mit Pointen, Parodie und Polemik. So handelten etwa Julia Schmitz, Ronja Mahr und Sophie Freese im Sketch „Woke und broke: Männer erklären den Feminismus“ die Frage von Generationen-Clash und Gender-Gerechtigkeit aus: Vater Uwe und Sohn Philipp finden sich unversehens in einem aberwitzigen Dialog über Geschlechter-Rollen und -Stereotype wieder. „Dir schmeckt‘s doch auch besser, wenn deine Mutter kocht“, verteidigt der Vater sein Patriarchen-Privileg. „Darum geht’s doch nicht. Findest du nicht, du nutzt sie ein bisschen damit aus, wenn du einfach die Hände hebst und sagst ‚Ich kann halt nicht kochen?‘“, entgegnet der Sohn, der außer einen Podcast nicht viel auf die Reihe bekommt, sich aber gerne zu Hause bekochen lässt. Die Begründung: „Als Mutter macht sie das doch gerne für mich…“

Große Kleinkunst im Klüngelpütz

Im Klüngelpütz-Absurdistan drückten Friedrich Merz, Alice Weidel, Donald Trump, Wladimir Putin und Kim Jong-un gemeinsam die Schulbank. Die Lehrerin (Rebekka Preißig) erlebte einen „Wandertag politischer Totalausfälle“ und attestierte Alice Weidel (Janine Winkels) eine Doppelmoral: „In Deutschland große Sprüche über Familienmoral reißen, aber mit der Partnerin in der Schweiz leben, und dann so tun, als wäre das alles nur ein Missverständnis mit dem Mietvertrag. Das ist kein Klartext, das ist politisches Versteckspielen.“ Als Putin beim Thema Sozialverhalten danach gefragt wurde, was er mache, um Grenzen zu setzen, antwortete dieser knapp: „Dann schaue ich, wie ich sie mit einer Spezialoperation einreißen kann, denn alles gehört sowieso mir – aus historischen Gründen.“ Und Donald Trump (Maurice Pietsch)? Dem attestierte die Lehrkraft: „Du bist der Einzige hier, bei dem Müdigkeit und Größenwahn gleichzeitig im Gesicht wohnen.“ Neunzig Minuten lang mutierte die Bühne von Kölns ältestem Kleinkunst-Theater Klüngelpütz – 1966 vom legendären „Machwächter“-Ensemble gegründet – zum Schauplatz absonderlicher Begegnungen und Begebenheiten. TV-Moderator Stefan Raab (Maurice Pietsch) spielte mit Elton (Jan Lensen) und Benjamin Netanjahu (Sinan Semercioglu) „Blamieren oder Kassieren“. Und der

deutsche Bundeskanzler? Friedrich Merz (Jan Lensen) übte sich in Volksnähe und traf den Kölsch sprechenden Bauarbeiter Karl-Heinz (Sinan Semercioglu), der mit achtzig Jahren noch arbeiten muss, weil die Rente nicht ausreiche und sich die „geräumige Zwanzig-Quadratmeter-Wohnung im malerischen Köln-Kalk“ nicht von alleine zahle.

Wahlversprechen versus Wirklichkeit

Viele Pointen des Programms basierten darauf, dass Wahlversprechen und Wirklichkeit unmittelbar aufeinandertrafen. Unterstützt von den MU-Dozenten Hans Hausmann (Kursleitung, Regie) und Heinz Hoppe (Technik) sowie von Wolfgang Eichler (Klavier, Gesang) schufen die Studierenden einen absurd-komischen Kosmos, in dem die Grenzen zwischen Fakten und Fiktivem verschwammen. Ganz gleich ob beim „Nachrichten-Tinder“ oder im „Great America Club“ von Donald Trump („Because I’m basically the greatest President ever.“): Immer verbarg sich hinter dem grotesk Karikiertem das erschreckend Wahre. Ganz nach dem Motto „Satire darf alles“ (Kurt Tucholsky) nutzten die Darsteller:innen Meinungs- und Kunstfreiheit, um politische und/oder gesellschaftliche Missstände oder Missverständnisse, Machtstrukturen oder Moral anzuprangern. Dass viele Studierende dabei ihr Bühnen-Debüt feierten, geriet angesichts der großen Präsenz und Spielfreude aller Akteur:innen schnell in Vergessenheit. Und der große Applaus des Publikums – darunter viele Kommiliton:innen, Eltern und Dozierende – unterstrich: Alltag und Weltgeschehen wirken zwar oft absurd, aber mit Haltung und Humor, journalistischer Recherche und Kritik lässt sich das Groteske meisterhaft entlarven.